Besessenheit und Besetzungen

„Heilt Kranke, treibt Dämonen aus.“ (Bibel – Mt 10,8).
Über den Zustand der Verstorbenen nach dem Tod entwickelten sich innerhalb des Christentums unterschiedliche theologische Vorstellungen. Mittelalterliche Konzilien, darunter Lyon und Florenz, formulierten schließlich verbindliche Lehren über das individuelle Schicksal der Seele nach dem Tod – darunter Himmel, Läuterung und Verdammnis. 

Eine andere Perspektive findet sich beim bekannten katholischen Exorzisten Don Gabriele Amorth. In seinem Buch Esorcisti e Psichiatri schildert er unter anderem Erfahrungen, die er nicht ausschließlich dämonischen Kräften zuschrieb. Amorth vertrat die Auffassung, dass sich in bestimmten Fällen auch Seelen Verstorbener bemerkbar machen oder um Hilfe bitten könnten. Nach Amorths Darstellung reagierten solche Erscheinungen anders auf Exorzismusgebete als das, was er als dämonische Präsenz verstand. Manche hätten vielmehr positiv auf Gebete reagiert. Für Amorth und ähnliche spirituelle Deutungen könnte dies darauf hindeuten, dass Aspekte des Bewusstseinszustands eines Menschen über den Tod hinaus fortwirken.

In verschiedenen gnostisch-christlichen Traditionen finden sich ebenfalls Vorstellungen von nicht-physischen Wesen und unterschiedlichen geistigen Ebenen. Auch Aussagen wie „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ wurden und werden spirituell als Hinweis auf unterschiedliche Daseinsebenen interpretiert. Ein Engel wäre innerhalb eines solchen Weltbildes ebenso Teil einer geistigen Realität wie die Seele eines Verstorbenen. Ob es darüber hinaus weitere Lebens- oder Bewusstseinsformen gibt, die wir bislang nicht kennen, bleibt eine offene Frage.

Die folgenden Darstellungen stammen aus religiösen, spiritistischen und esoterischen Traditionen sowie aus den Arbeiten einzelner Autoren. Begriffe wie „Besessenheit“ oder „Besetzung“ beschreiben hier deren jeweilige Deutungsmodelle und sind nicht als medizinische Diagnosen zu verstehen.

Kenneth McAll

Der britische Arzt und Autor Kenneth McAll vertrat eine christlich-spirituelle Interpretation psychischer und familiärer Belastungen. In seinen Arbeiten beschrieb er Bindungen zwischen Lebenden und Verstorbenen sowie generationenübergreifende Verstrickungen, die er mit seelischem Leid und verschiedenen Beschwerden in Verbindung brachte. Als mögliche Bindungen beschrieb McAll unter anderem:

• Bindungen zwischen Lebenden und Lebende und Verstorbenen
• Bindungen im Zusammenhang mit Totgeburten, Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüchen
• Bindungen an Orte oder Gegenstände
• Bindungen an das, was er als das Böse verstand

McAll arbeitete dabei auch mit Familienstammbäumen und suchte gemeinsam mit Angehörigen nach wiederkehrenden Krankheiten, Konflikten und Ereignissen innerhalb der Familiengeschichte. Er vertrat die Auffassung, dass die Seelen von Fehl- oder Totgeburten sowie abgetriebenen Kindern innerhalb der Familie Anerkennung und symbolische Aufnahme erfahren sollten – beispielsweise durch die Vergabe eines Namens und ein Abschiedsritual. Auch ungelöste Schuld, ein ungeklärter Tod oder das Schicksal verstorbener Familienmitglieder deutete er innerhalb seines christlichen Weltbildes als mögliche generationen übergreifende Belastung. McAll betrachtete den möglichen Einfluss Verstorbener auf Lebende auch als eine denkbare Erklärung für bestimmte Spukphänomene.

Hans Naegeli-Osjord

Der Schweizer Psychiater Hans Naegeli-Osjord beschäftigte sich ebenfalls intensiv mit Vorstellungen von Besessenheit und Exorzismus. Er veröffentlichte dazu unter anderem Besessenheit und Exorzismus sowie Umsessenheit und Infestation. Naegeli-Osjord kritisierte, dass solche Phänomene von der etablierten Psychiatrie kaum berücksichtigt würden, und sah darin eine mögliche Begrenzung therapeutischer Perspektiven.

Carl August Wickland 

Arzt und Autor von Dreißig Jahre unter den Toten. Wickland interpretierte bestimmte psychische Auffälligkeiten im Rahmen spiritistischer Vorstellungen als möglichen Einfluss Verstorbener.

William J. Baldwin 

Psychologe und Autor, bekannt für seine Arbeit zur sogenannten Spirit Releasement Therapy (SRT). Diese Methode beruht auf der Vorstellung, dass nicht-physische Wesenheiten oder Bewusstseinsformen an einen Menschen gebunden sein könnten und im Rahmen einer therapeutisch-spirituellen Sitzung gelöst werden können. Das Konzept gehört nicht zu den wissenschaftlich etablierten psychotherapeutischen Verfahren.

Edith Fiore 

Amerikanische Psychologin und Hypnotherapeutin, die sich mit Reinkarnationsvorstellungen und vermeintlichen spirituellen Anhaftungen beschäftigte und darüber unter anderem in The Unquiet Dead schrieb. (deut: Bessesenheit und Heilung)

Jan Erik Sigdell 

Autor, der sich unter anderem mit Reinkarnation, Rückführungen und Vorstellungen unsichtbarer Einflüsse beschäftigte.